Die ökologische Erbsünde: Nachhaltige Einweghandschuhe im Hygiene-Discounter

Dis­counter wie Aldi gehen dem Hygien­e­trend gewis­senhaft nach vorgegeben Richtlin­ien zu fol­gen und bit­ten anständig um Nutzung der Ein­weghand­schuhe zur Ent­nahme der Back­waren­vielfalt. Hygiene ist wichtig. Alter­na­tiv aus­liegende Greifzan­gen reichen aber sicher­lich aus. Hat der Ein­weghand­schuh nicht im Jahr 2019 endgültig aus­ge­di­ent, wenn ab 2021 das erste Gros der Ein­weg­plas­tiken ver­boten wird EU-zulande? Dis­counter und Super­märk­te mit SB-Theken ste­hen auch in der Pflicht zum Umdenken und Umhan­deln!

Vier Wochen war der Aldi Süd Dis­counter im Juni wegen Ren­ovierungsar­beit­en geschlossen. Der Weg mit den Kindern zur Kita ver­ri­et beim mor­gendlichen Passieren der Schaufen­ster schon vor­ab mit entsprechen­dem Aushang: „Such Dir schnell für die näch­ste Zeit eine Ersatzbeschaf­fungsstätte für das rit­uell einge­forderte Lau­genge­bäck”. Kein Prob­lem soweit und für die Kinder war die Verän­derung auch ganz span­nend mitzuer­leben.

Nach quälen­den Umwe­gen der üblichen Super­mark­tal­ter­na­tiv­en war der nahe­liegende Aldi Süd Dis­counter wieder geöffnet. Alles schick, alles neu, alles glänzend in Plas­tik ver­packt, wie gewohnt. Aber was erwartet man vom Dis­counter, wo alles schnell, schnell auf Ökonomie getrimmt ist. Soweit so unverän­dert wird daher auch generell ver­mieden, der Plas­tikver­pack­ung­sorgie beim Einkauf nachzuge­hen und entsprechende Bio- oder nach­haltige Einkauf­s­lä­den aufzusuchen. Aber nicht für das Lau­genge­bäck, das bish­er auch bei Aldi Süd in angemessen­er Qual­ität ohne möglichst viel Plas­tik­drumherum zu besor­gen war, aber weit gefehlt – jet­zt wird der Ein­weghand­schuh zusät­zlich wieder Mode.

Einweghandschuhe aus gelochtem Polypropylen bei Aldi Süd
Ein­weghand­schuhe aus gelochtem Polypropy­len bei Aldi Süd

Mit Blick auf den eige­nen ökol­o­gisch, nach­halti­gen Fin­ger­ab­druck zur Reduzierung von Ver­pack­ungs­ma­te­ri­alien, der gesellschaftlich von oben gedrückt, mark­twirtschaftlich von außen ver­mark­tet und mit Seit­en­hieben wis­senschaftlich indok­triniert wird – eine erste reißerische Unterüber­schrift:

Saturday For Selling: Du bist als Konsument der verantwortliche Klimaretter!

Auch nicht allein als Kon­sument trägt man die Ver­ant­wor­tung am Kli­mawan­del aus dem Ansatz her­aus, die Nach­frage bes­timmt das Ange­bot. Der Han­del ist nicht gezwun­gen im Ein­klang mit sein­er Wirtschaftlichkeit allen gewinnbrin­gen­den Maß­nah­men zu entsprechen. Häu­fige Gründe, die trans­par­ent vorge­hal­ten wer­den, sind zu hören: „Der Kunde wün­scht es” , „Der Markt fordert es” , oder „Die Hygiene gebi­etet es” , wenn nach aufwändi­gen Pro­duk­ttests, Mark­t­forschun­gen und aus­gew­erteten Käufer­ver­hal­ten entsch­ieden wird, die SB-Theke als ver­drän­gende Alter­na­tive zum frischen Back­ware­nange­bot anzu­bi­eten und den angliedern­den Bäck­ern nebe­nan oder nach den Kassen die Grund­lage zu rauben. Wenn im eige­nen nahen Umfeld dann kein echter Bäck­er mehr zu find­en ist und nur noch die Wahl beste­ht, dieses Selb­st­be­di­enungskonzept wählen zu kön­nen, ist man auch hil­f­los der Brötchen­ver­bund­ver­pack­ung aus­geliefert, siehe am Beispiel der Recht­fer­ti­gung von REWE To Go:

Im Super­mark­t­blog wird weit­er gut aus­geleuchtet, wie mitunter nun auch in geteil­ter Ver­ant­wor­tung die Vorkassen­bäck­er ger­at­en sind.

Greif zu und fühl Dich gut: Einfache Plastik-Verpackungen sind doch ökologischer.

Mit Blick auf die Zukun­ft der Kinder schwelt die Ver­ant­wor­tung in viel­er­lei Hin­sicht mit, als auch um nach­haltiges Han­deln. Doch was wird einem da nun vom im neuen Glanz erstrahlten Dis­coun­tern ange­boten? Man soll doch bitte die Back­waren nur mit Ein­weghand­schuhen oder den Ent­nah­mezan­gen ein­tüten. Warum denn bitte zuerst die Ein­weghand­schuhe aus irgen­deinem genadel­ten Poly-Plas­tik-Ein­weg­ma­te­r­i­al zur Nutzung ein­fordern? Ist den jet­zt nach den viel beschriebe­nen Stu­di­en das Plas­tik erst ein­mal ökol­o­gisch bess­er und recht­fer­tigt das auch wieder Atom­kraftwerke um den Kli­mawan­del nach dem x‑Gradoberziel aufzuhal­ten? Ich schweife ökonomisch ab.

Zugegeben soll durch Kri­tik nicht ver­nach­läs­sigt wer­den, dass die Hygien­evorschriften in SB-Ent­nahmestellen ein­deutig sind. Die Recherche zeigt jedoch auch, dass es nun schon erlaubt ist nur noch Ein­weghand­schuhe anzu­bi­eten. Im Forum der Ver­braucherzen­trale Bay­ern find­et man zum The­ma der Hygien­is­chen Ent­nahme von Back­waren aus der Selb­st­be­di­enung anre­gende Diskus­sio­nen als Ergänzung.

Den­noch! Nicht ohne Grund macht sich seit ger­aumer Zeit eine erste Welle der Res­ig­na­tion, Besser­wis­serei und rev­o­lu­tionären Lager­schlacht­en bemerk­bar und vergiftet von jung bis alt die Per­spek­tiv­en.

Bitte wählen Sie ihr Neuroseprofil: Bio-Bürger mit Öko-Verantwortung vs. Hygienewahn und Vorschriftenzwängler.

Bei aller Recherche wird deut­lich, dass Vorschriften und Hygien­ezwang zu wahn­haften Auswüch­sen in Regle­men­tierun­gen und zivilen Mythen ausufern, sei es in Kom­men­tarspal­ten oder dem men­schlichen Auseinan­der­set­zen vor der SB-Theke in Dis­coun­tern und Super­märk­ten. Ein gut aufgear­beit­eter Blog-Beitrag von Bernd Leit­en­berg­er lässt die Blick­winkel erscheinen, ob die Notwendigkeit der Hygien­evorschriften noch angemessen ist, wenn doch der Nährbo­den für Bak­te­rien auf Brötchen und Brot im ungeschnit­te­nen Zus­tand nicht zwin­gend gegeben ist. Die ersatzweise wählbare Bäck­ereifachverkäuferin müsste ja bei dem ersten Anze­ichen von Niesen direkt von der Theke auf die Quar­an­tänes­ta­tion ver­legt wer­den und die gesamte Aus­lage gehörte sofort ver­nichtet. Aber wo kein Beweis da kein Kläger und die dies­bezüglichen EU-Verord­nun­gen sind seit langem Ausle­gungssache der Unternehmen, wie diese die Lebens­mit­tel­hy­giene für Selb­st­be­di­enungs­theken mit jeglichen Lebens­mit­tel umset­zen.

Als Ansatz zur Aufk­lärung und Ent­mys­ti­fizierung hil­ft ein lesenswert­er Beitrag bei SWR3 um die gängig­sten 10 Mythen über Plas­tik auszuräu­men.

Tradition als ökologische Alternative: „Eine Scheibe Wurst für den Nachwuchs?”

Und alle machen mit. Nicht das jet­zt der Ein­druck täuscht, das der in diesem Text angeprangert­er Dis­counter als alleiniger Böse dient. In der Momen­tauf­nahme, gefühlt ja, doch darf der Staffel­stab gerne weit­erg­ere­icht wer­den, wenn die Super­markt-Ket­ten aufeinan­der abges­timmt die näch­sten Inves­tions­bud­gets nach getätigten Konkur­renz- und Käufer­ver­hal­ten für die Gewin­n­max­imierung ver­pla­nen. Neben SB-Theken für Back­waren und Donuts wird wohl bald per­spek­tivisch die Fleis­chtheke für die Käufer­schaft opti­miert wer­den. Der Blick auf unsere Nach­barn Nieder­lande lässt Glänzen­des erah­nen.

Die tra­di­tionell übergebene Sem­mel oder Wurstscheibe für die Kle­in­sten scheint neben dem Zwis­chen­men­schlichen im Ganzen in größter Gefahr.

Zivilisation als grundlegende Rechtfertigung: Der aufrecht gehende Konsumensch.

Wie viel Zeit und Ein­fluss hat der Kon­sumen­sch eine ökol­o­gisch ethisch kor­rek­te Entschei­dung im Kauf­mo­ment tre­f­fen zu kön­nen oder gar zu reflek­tieren? Ist es angemessen mit Verzicht von Ein­we­gar­tikeln, Brötchen­tüten mit Plas­tik­fen­ster die Wel­tret­tung begrün­den zu kön­nen? Allen Kri­tik­ern zum Trotz, es hil­ft sich damit auseinan­derzuset­zen und Verän­derun­gen im gemein­samen Bestreben bewirken zu wollen.

Dank Über­fluss und derzeit­igem Wohl­stand reicht lei­der noch keine Begrün­dung im bürokratis­chen D‑Land stand­haft aus, die Ver­ant­wor­tung an alle per zivil­isatorisch notwendi­gem Regel­w­erk her­anzu­tra­gen um einem opti­mal regionalen Bio-Öko-Glob­al­isierungs­gemisch zu entsprechen. Jed­er sollte natür­lich im Kleinen begin­nen Verän­derun­gen her­beizuführen.


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Hein­rich Böll Stiftung, boell.de

Abfallentsorgung: Hinter den Kulissen der ungelösten Plastikkrise

6. Juni 2019 von Doun Moun, Chris Flood, Herib­ert Wefers

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